Ein typischer Tag in Indien

Erschienen am 16. April 2018 in Rover

Marvin Raußen

 

Unser Alt-Rover Maxi engagiert sich nach seinem Abitur gerade in einem Projekt in Indien. Sein Freiwilligendienst wird über weltwärts gefördert, das Programm, über das auch Marvin und Christina schon ihre Freiwilligendienste geleistet haben. Wir haben von Maxi eine E-Mail bekommen:

Ein typischer Tag in Indien

Ein typischer Tag in Indien fängt für mich recht früh an, um 6:00 stehe ich auf schreibe mein Traumtagebuch, gehe mich waschen und danach ein bisschen Yoga machen, um anschließend zu meditieren. Wenn ich damit durch bin steht das Frühstück an welches meist ein Früchtemüsli ist (ein kleines Stück deutscher Alltag). Danach Zähne putzen und ab in die Schule.

Um 09:30 gehe ich dann also zur Government Higher Primary School Gopadi East, die circa 15 Minuten Fußweg entfernt ist. Schon auf dem Weg dahin tritt die erste Hürde auf, die typisch für Indien ist: ein Highway ohne Ampeln, Zebrastreifen und gefühlt auch ohne Verkehrsregeln. Was anfangs noch Nervenkitzel war ist jetzt eigentlich schon Routine geworden, denn ich bin mutiger was das Überqueren dieser insgesamt 4 spurigen Schnellstraße angeht.

In der Schule angekommen ist das Morgenprogramm meistens schon im Gange, es wird gesungen, und zwar die indische Nationalhymne und ein Hindu-Gebetslied, es wird aus Büchern vorgelesen, nur kurz und sporadisch aber formal essentiell. Zu den Formalitäten möchte ich sagen, dass das indische Schulwesen in einer staatlichen Schule sehr streng organisiert ist. Die Schüler*innen tragen einheitliche Uniformen und auch nationale Feiertage, wie der Republic Day werden mit dem Hissen der indischen Flagge zelebriert. Nach dem Morgenprogramm geht auch schon der Unterricht für mich los. Ich unterrichte die 4-7 Klasse für insgesamt 5 Schulstunden am Tag. Meine Unterrichtsgestaltung hat sich über die letzten 6 Monate verbessert und weiterentwickelt. In den meisten Klassen läuft es so, dass wir 2/3 der 40-minütigen Unterrichtsstunde Englisch-Aufgaben machen (z.B. Lückentexte, Hörverstehübungen, Leseübungen, Ankreuzaufgaben, Vokabeltests und kleine Rollenspiele) und das restliche Drittel der Stunde wird gespielt. Dadurch sind die Kinder motiviert mitzuarbeiten.

Um 12:35 Uhr wird in der Schule Lunch gegessen und so sitze dann auch ich mit den Lehrerinnen im Sekretariat und esse. Die Schule hat eine eigene Küche und zwei Köchinnen, welche die Kinder, täglich an 6 Tagen in der Woche, mit einem Mittagessen versorgen.

Dieses wird vom Staat finanziert und soll vermutlich die Unterernährung vorbeugen und die Eltern entlasten. Danach mache ich kurz Mittagsschlaf und unterrichte dann für 2 Stunden bis 15:00 Uhr weiter.

Nun steht Freizeit auf dem Programm und die gestaltet sich in Indien recht vielseitig. Denn kürzlich habe ich den Entschluss gefasst wieder mit dem Sport anzufangen. Dafür habe ich mich in einem der drei verfügbaren Fitnessstudios angemeldet und versuche dort jetzt 3 mal die Woche zu schwitzen (auch wenn ich das eigentlich so schon genug tue). Das gibt mir den nötigen Ausgleich zur Arbeit und hält mich gesund. Ansonsten lese ich sehr viel in Indien, was sich anbietet, weil das Internet und die Stromversorgung nicht immer zuverlässig sind. Ab und zu gibt es dann halt mal einen Stromausfall und man sitzt ohne Fernseher da und wenn dann auch noch der Akku vom Handy leer ist muss eine andere Lösung her.

Am Wochenende unternehmen wir häufig etwas. Mit von der Partie sind Henri, mein Zimmergenosse und Mitfreiwilliger aus Köln und Amanda eine schwedische Mitfreiwillige und Freundin, die ich auf dem Orientierungsseminar am Anfang unseres Freiwilligendienstes kennengelernt habe. Zusammen machen wir dann entweder kleine Ausflüge in der Umgebung, zum Beispiel Tempel Besichtigungen in Mangalore, oder Pizza und Sonnenuntergang in Manipal.

Auch auf Reisen waren wir schon und so habe ich mit Amanda den Bundesstaat Kerala entdeckt, der südlich an Karnataka, dem Bundesstaat in dem wir leben, grenzt. Dort haben wir uns Kochi eine Metropole mit interessanter Geschichte, Munnar eine Kleinstadt zwischen Teeplantagen und Bergen und Allepey, das Venedig Indiens angesehen.

Wir waren auch wandern in Kollur und haben dort auf der Bergspitze umringt von Wäldern in einem Tempel übernachtet. Für die nahe Zukunft ist ein Meditationskurs in Bellari geplant, dort werde ich dann für 10 Tage in die Tiefen meines Bewusstseins abtauchen und unter der Anleitung von ehrenamtlichen Mentoren die Meditationspraktik Vipassana kennenlernen.

Reisen in Indien ist anstrengend, manchmal abenteuerlich und wirklich aufregend für mich. Wir haben viele Bekanntschaften gemacht und einen ganzen Haufen netter Leute kennengelernt. Viele Leute zeigen Interesse und sind sehr offen für Gespräche, häufig wurden wir dann auch noch zum Essen oder auf einen Tee eingeladen und durften das Haus unserer Bekannten besichtigen. Insgesamt ist Gastfreundschaft und Großzügigkeit etwas, das ich in Indien zu schätzen gelernt habe.

Um noch ein paar Schlussworte zu finden möchte ich hier noch einmal erwähnen, wie dankbar ich bin hier in Indien zu sein. Es ist ein aufregendes Jahr voller Veränderungen was mich momentan und auch in meiner Zukunft bereichert. Natürlich ist es auch mal anstrengend und unangenehm, aber das gehört dazu, denn das Leben ist nicht immer nur schön und voller Spaß, auch in Deutschland nicht. Ohne die Unterstützung meiner Spender, also euch/Ihnen für die ich diesen Bericht verfasse, wäre dies nicht möglich gewesen und ich hoffe, dass ich all das was mir in der letzten Zeit gegeben und ermöglicht wurde auch wieder zurückgeben kann.

Wenn jemand in eurer/Ihrer nahen Umgebung gerade die Schule beendet hat und nicht weiß was er*sie machen soll, dann ist weltwärts oder ein sogenanntes gap year meine Empfehlung. Denn hier lernt man sich selbst kennen, findet die Zeit seine Interessen zu erkunden und kann sich in einem völlig neuem Arbeitsfeld und Kulturkreis ausprobieren.

In diesem Sinne schicke ich euch/Ihnen die wärmsten Grüße aus Indien!

Euer

Maximilian Schlösinger

 

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